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Einhörner. Einfach nur erfunden oder gab es sie wirklich? Was uns die Paläontologie über sie verrät.

Von: Fabelwesenmutter

Wer kennt sie nicht? Einhörner sind neben Drachen eines der populärsten Fantasywesen. 

Früheste Erwähnungen von Einhörner stammen aus Europa um 500 v. Chr. und beschreiben Nashörner aus Indien. Und auch im weiteren Lauf der Geschichte werden immer wieder Nashörner als Einhörner beschrieben (beispielsweise durch Marco Polo). Allerdings ist ihre Geschichte nicht ganz so alt, wie die der Drachen, deren Legenden die Menschheit, vor allem in Asien, viele Jahrhunderte länger begleiten.

Aufstieg der Einhörner mit dem Christentum 

Erst mit dem Christentum tauchen Einhörner vermehrt auf und nehmen als Fabelwesen eine wichtige Rolle im Volksaberglauben ein. Im Gegensatz zum Drachen verkörpern sie das Gute, werden oft mit der Reinheit von Jungfrauen in Verbindung gebracht und ihrem Horn werden heilende Eigenschaften zugesprochen. Wichtig ist, dass wir aus dieser Zeit zum ersten Mal Schilderungen finden, die von der Optik eines Nashorn stark abweichen. Dass das Einhorn in der Bibel erwähnt wird, ist inzwischen widerlegt. Dieser Übersetzungsfehler geht vermutlich auf eine Fehldeutung babylonischer Steinreliefs zurück, die Auerochsen von der Seite und daher nur mit einem Horn zeigen. 

In künstlerischen Darstellungen ist das Einhorn ein weißes Tier, ähnlich einem Ziegenbock, einem Hirsch oder in jüngster Zeit einem Pferd. Das Horn ist meist lang, gerade und in sich gedreht. Der ausgeprägten Handel mit Narrwalstoßzähnen als vermeintlichen Einhornhörner (auch Ainkhürn genannt) und der starke Glaube an ihre Heilkräfte, haben diese historischen Darstellung maßgeblich beeinflusst.

Einhorn

Der Mythos Einhorn

Zum Ursprung des Mythos Einhorn gibt es bis heute zahlreiche Theorien. Echte Tiere, die als Ursprung oder Einfluss vermutet werden, sind unter anderem die weiße Arabische Oryxantilope, der Auerochse (Wildstiere) und das Nashorn. 

Die Forscher sind sich einig: ein Einhorn, wie es als Fabelwesen dargestellt wird, gab es zur Zeit des Einhorn-Kultes nicht.

 

Aber biologisch möglich wäre ein Einhorn?

Um diese Frage zu klären, müssen wir uns den Körperbau eines Einhorns näher ansehen.

Hierbei unterscheiden wir zwei Darstellungen:

l. Die historische Darstellung

Auf älteren Abbildungen sehen wir ein Ziegenbock- oder Hirsch-ähnliches Geschöpf mit weißem Fell. Es ist ein Paarhufer und hat wie Ziegen und Schafe zwei Zehen. Der Schwanz ähnelt stark dem eines Löwen. Ein zu dieser Zeit ebenfalls gerne dargestelltes Tier.

 

Ziegeneinhorn

 

ll. Die moderne Darstellung

Moderne Medien bevorzugen das Einhorn als gehörntes Pferd. Es ist demnach ein Unpaarhufer, verfügt also im Gegensatz zu den Paarhufern über eine ungerade Anzahl Zehen (nämlich einer Zehe pro Fuß). Im Vergleich dazu haben Nashörner, die ebenfalls zu den Unpaarhufern gehören, drei Zehen. 

 

Da das Einhorn in historischen Abbildungen vornehmlich als Paarhufer dargestellt wird, werfen wir einen Blick auf lebende und ausgestorbene Vertreter dieser Gruppe. Es fällt auf: Hörner kommen bei sehr vielen Arten vor. Diese bilden das Taxon der Stirnwaffenträger (Pecora). Ziegen, Schafe, Rehe, Hirsche, Antilopen und Kühe sind einige derer, die in unseren Breitengraden vorkommen oder bekannt sind. 

Passt unser Einhorn also in diese Gruppe?

Leider nein, denn Vertreter dieser Arten besitzen mindestens zwei Hörner, einige sogar vier (z.B. die Vierhornantilope). 

Allerdings sei hier erwähnt, dass es durchaus schon zu Fehlbildungen kam und 2008 in freien Wildbahn ein Rehbock mit nur einer Geweihstange mittig des Kopfes entdeckt wurde. Dankbar wäre, dass solche Sichtungen in der Vergangenheit den Aberglauben bestärkt haben könnten. 

In einem Experiment gelang es bereits 1827 dem Paläontologen Baron Georges Cuvier die Hornwurzel eines neugeborenen Kalbes auf dessen Stirn zu verpflanzen, wo dann ein einzelnes Horn wuchs.

Trennt uns also nur eine zufällige Mutation vom echten Einhorn? Oder gab es womöglich schon in der Frühzeit Einhörner, die heute ausgestorben sind?

Hierfür betrachten wir die Gruppe der Unpaarhufer einmal genauer.

 

Das prähistorische Einhorn

Hornträger sind hier als Nashörner vertreten, aber auch die Pferde gehören zu dieser Gruppe. 

Ein einzelnes Horn in der Mitte des Kopfes und zwar auf der Stirn und nicht der Nase, findet sich einzig bei ausgestorbenen Vertretern der Nashörnern. Und zwar beim sibirischen Nashorn Elasmotherium sibiricum und dem Sinotherium lagrelii. Letzteres besaß sogar zwei Hörner auf der Stirn. Ansonsten haben diese beiden bekannten Vertreter der Elasmotherien allerdings keinerlei Ähnlichkeit mit unserem Fabeltier.

 

Ist die Suche nach einem echten Einhorn daher für uns beendet? 

Nicht ganz, denn obwohl uns aus der Vergangenheit kein Einhorn bekannt ist, schreitet die Evolution stetig voran.

Ungerichtete Mutationen passieren ständig, betreffen sie die Keimbahn, können die Merkmale auch weitergegeben werden. Bringt dieses Merkmal dem Individuum einen Vorteil, so kann es seine Gene häufiger vererben und mehr Nachkommen hervorbringen. 

Betrifft diese Mutation, wie beim Einhorn, die Bildung eines Horns auf der Stirn, muss unser Tier dadurch also einen Vorteil erlangen. 

Und welchen Vorteil bringen Hörner?

Bei Rehen und Hirschen tragen nur die Männchen ein Geweih und werfen dieses jährlich ab. Allerdings erfordert die Bildung eines neuen Geweihs eine erhebliche Menge Energie und in der Natur wird diese niemals ohne Grund verschwendet. Warum also lässt sich ein stattlicher Hirschbock jedes Jahr ein neues Geweih wachsen? Sicher sind wir uns einige, dass ein Geweih, besonders ein großes, im Wald eher umpraktisch ist. Die Weibchen bevorzugen bei der Partnerwahl aber besonders solche Partner mit ausgeprägtem Geweih. Warum?

Die Antwort ist: sexuelle Selektion. Das Hirschweibchen wählt den Partner, der besonders vital ist, damit ihre Nachkommen die größten Überlebenschancen haben. Und wer ist so vital, dass er genug Energie übrig hat, um sich jedes Jahr aufs Neue unnützes Geweihzeug wachsen zu lassen? Richtig, der dickste Platzhirsch im Wald. Hier gilt, je größer umso besser. Dieses Phänomen der sexuellen Evolution sehen wir auch bei vielen anderen Arten. Bei heimischen Moorfröschen werden die Männchen blau (und damit auch häufiger gefressen), bei Vögeln ist häufig das Männchen farbiger und männliche Stichlinge (kleine heimische Süßwasserfische) werden knallig rot in der Paarungszeit. 

Warum tragen dann bei Schafen, Ziegen, Kühen und Co. beide Geschlechter Hörner? 

Es ist noch nicht geklärt, warum dies so ist. Jedoch sind die Hörner bei den Weibchen dieser Arten kleiner oder sogar stark reduziert, sobald die Art im Wald lebt. Bei Arten, die in offenem Gelände unterwegs sind, wie Antilopen und Steinböcke, tragen beide Geschlechter ausgeprägte Hörner. Ein Grund hierfür könnte der Schutz vor Fressfeinden sein. Zum Beispiel durch bessere Tarnung und zur Abwehr bei Angriffen.

Fazit:

Genetisch möglich wäre ein Einhorn allemal.

Und mit den entsprechenden selektiven Einflüssen könnte sich dieses Merkmal auch durchsetzen. Dabei wäre es erheblich wahrscheinlicher, dass ein Einhorn in der Gruppe entsteht, die bereits über Hörner verfügt und diese nicht von Grund auf neu erfinden müsste. Sollte jemals ein Einhorn auf Erden wandern, dann sieht es wahrscheinlich einer Ziege, einem Hirsch oder einer Antilope ähnlicher, als einem Pferd.

Warten wir also ab und lassen der Evolution ihren Lauf. Die ersten Einhörner werden wir und unsere Kinder allerdings nicht mehr erleben, denn solche evolutionären Entwicklungen dauern viele Jahrtausende.

Bis dahin erschaffen wir uns einfach unsere eigene Welt und lassen sie in unseren Geschichten über Wiesen und durch Wälder springen.

 

Ihr habt Anmerkungen zum Text oder Fragen? Kein Problem, meldet euch über diese Plattform oder unter fabelwesenmutter@gmx.de