Direkt zum Inhalt springen und Lesemodus aktivieren
Eine weibliche, kindliche Engels-Figur mit ausgebreiteten Flügeln, sie trägt einen Rock, Porzellan, befestigt auf der Spitze eines Tannenbaums, grauer Hintergrund

Artikel anhören


Lesezeit: ca 6 Min Druckversion

Emily und der Sternenstaub

Von: Martin Krefta, überarbeitet durch Tom Nentwich

Wenn du dir Etwas wünscht, liegt es daran, dass du einen Stern fallen siehst.
Wenn du einen Stern fallen siehst, liegt es daran, dass du in den Himmel schaust.
Wenn du in den Himmel schaust, liegt es daran, dass du immer noch an etwas glaubst.
Bob Marley (Reggae-Sänger, 1945-1981)

22. Dezember

Schwarz! Ob ich stehe oder liege, kann ich nicht bestimmen. Die Dunkelheit macht mir schon ein wenig Angst, da sie so allumfassend ist. Plötzlich sehe ich einen kleinen Lichtfleck, der nach und nach größer wird. Als die Verpackung geöffnet wird, in der ich mich befinde, sehe ich eine weiße Tapete und eine halbmondförmige Lampe. Ein Gesicht schiebt sich in mein Blickfeld und eine Stimme dringt an mein Ohr.

„Du bist aber wunderschön! Dich stelle ich erst einmal auf den Schrank zu den Anderen.“

Eine Hand schiebt sich um meinen Körper und hebt mich aus dem Karton. Nun, da keine Dunkelheit mehr ringsum ist, kann ich auch die Frau und den Raum, in dem ich mich befinde, sehen. Frau Winkelbach ist schätzungsweise Ende 50, hat braune lange Haare, ein freundliches Gesicht und blaugrüne Augen, die mich aufmerksam mustern. Mitten im Raum steht ein großer, wunderschön geschmückter Tannenbaum. Frau Winkelbach trägt mich zu einem schwarzbraun gefleckten Holzschrank, auf dem schöne Figuren und ein kleines Dorf stehen.

„Du bekommst den Namen Emily von mir. Und ich stelle dich ganz nach vorne.“

Ich heiße also Emily. Warum nicht? Ich finde den Namen schön und er passt zu mir. Sie richtet mich mit dem Gesicht zum Tannenbaum aus.

„Morgen werde ich dich dann auf die Spitze setzen. Da gehörst du hin.“

Ich freue mich so sehr als ich das höre, dass ich gleich mit meinen sternförmigen Flügeln wackeln muss. Frau Winkelbach sieht es und strahlt über
das ganze Gesicht.

23. Dezember

Bislang habe ich noch niemanden gesehen. Der Tannenbaum leuchtet in allen Farben und viele bunte Geschenke liegen unter ihm am Boden. Der Esstisch unter dem Fenster ist mit einem Adventskranz und Kastanien geschmückt. Über die letzte Nacht war eine Lichterkette an und hatte im ganzen Zimmer Sterne projiziert. An der gegenüberliegenden Wand geht die Tür auf. Frau Winkelbach stellt sich vor mich und flüstert:

„Hallo Emily, ich hoffe, du hattest eine schöne Nacht. Das sind meine Tochter Sara und ihr Sohn Tom. Sie helfen mir, den Tisch zu decken und dich auf die Spitze zu stellen.“

Sie wendet sich wieder ab und spricht ihre Tochter an.

„Sara, kannst du mit Tom in die Küche gehen und Geschirr für den Tisch suchen?“, fragt Frau Winkelbach und zeigt dabei auf den Wohnzimmertisch am Fenster. Die Blonde nickt und schiebt ihren Sohn aus dem Raum zur Küche. Frau Winkelbach dreht sich wieder mir zu und murmelt:

„Du bist wirklich schön, Emily. Da habe ich echt einen guten Kauf im Internet getätigt.“

Inzwischen kommt Tom mit allerhand Geschirr ins Wohnzimmer und verteilt es am Tisch.

„Warum decken wir eigentlich für vier Personen? Wir sind doch morgen nur drei oder nicht?“, fragt er seine Oma. Sie schüttelt den Kopf und antwortet:

„Nein, morgen kommt Sabine, eine gute Freundin von mir.“

Dann dreht sie sich um, deutet auf mich und sagt:

„Könntest du bitte Emily hier vom Schrank nehmen und auf die Spitze des Baumes stellen?“

Tom sieht seine Oma merkwürdig an, als hätte sie ihn aufgefordert, zu tanzen.

„Wen meinst du mit Emily?“, fragt er verirrt. Sie lächelt, streicht ihm über den Kopf und sagt dann:

„Emily ist die vorderste Figur auf dem Schrank.“

„Der Tisch sieht wirklich wunderschön aus, eigentlich sieht das ganze Wohnzimmer super aus! Jetzt kann Weihnachten kommen!“, sagt Sara und breitet die Arme aus, als würde sie die ganze Welt umarmen wollen. Tom poltert durch die Wohnzimmertür und verkündet stolz:

„Ich bin nicht mehr Tom, sondern Bob der Baumeister. Ich habe einen richtigen Männerauftrag. Daher habe ich eine Leiter geholt.“

„Dann zeig mal, Bob, was du drauf hast.“, meint seine Mutter mit einem Lächeln im Gesicht. Der kleine Baumeister macht das Friedenszeichen und fasst mich ganz vorsichtig an. Dann steigt er auf die Leiter, setzt mich ganz behutsam auf die Spitze des Tannenbaums und richtet mich so aus, dass ich den ganzen Raum überblicken kann.

„Auftrag erfolgreich ausgeführt.“

Hier oben habe ich so einen guten Ausblick, als säße ich auf dem Mond. Tom und Frau Winkelbach verlassen das Wohnzimmer. Sara zieht ein kleines, blaugrün gestreiftes Päckchen aus ihrer Bluse und legt es zu den anderen Geschenken. Dann schaut sie in meine Richtung, zwinkert mir zu und verlässt ebenfalls das Zimmer.

Nun bin ich allein, natürlich nicht ganz allein. Die anderen Figuren, die ich jetzt sehen kann, stehen auf dem Schrank. „Ho-Ho-Ho.“, ruft eine Stimme von weiter vorne. Als ich in die Richtung schaue, winkt mir der Weihnachtsmann zu und grinst über das ganze Gesicht. Er klettert in seinen Schlitten, die Rentiere setzen sich in Bewegung und fliegen dreimal um den Tannenbaum um schließlich vor mir anzuhalten. Dann holt der Weihnachtsmann etwas aus seinem Sack, wirft es in die Luft und winkt mir zu bevor der Schlitten wieder zurück auf den Schrank fliegt. Es ist Glitzerstaub, der langsam auf mich herabsinkt. Mir fallen mir sofort die Augen zu und ich schlafe ein...

24. Dezember

„Guten Morgen Emily.“, dringt eine Stimme von unten an meine Ohren. Grinsend blickt Tom zu mir empor. Nachdem ich mit den Flügeln gewackelt habe, geht er zu den anderen, die um den Tisch versammelt sind und fragt mit aufgeregter Stimme

„Machen wir jetzt Bescherung?“

Frau Winkelbach steht vom Tisch auf und klatscht in die Hände. Ihre Freundin Sabine erhebt sich ebenfalls und drückt eine Taste am schwarzen Abspielgerät. Leise ertönt ein Lied …

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerszeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter!

Auch Sara und Tom stehen auf. Alle fassten sich an den Händen, gehen auf den Tannenbaum zu und singen fröhlich mit. Auch ich singe im Geiste mit und wackle mit den Flügeln. Das Licht im Wohnzimmer geht aus und nur noch die Beleuchtung des Tannenbaums ist an. Die Figuren auf dem Schrank werden plötzlich lebendig. Der Schneemann tanzt mit seinem Besen in der Hand, wie Michael Jackson. Der Weihnachtsmann springt auf seinen Schlitten und treibt seine Rentiere an. Aus den Schornsteinen der Häuser steigt Rauch auf. Aus den Türen treten kleine Figuren, fassen sich ebenfalls an den Händen und singen auch leise mit. Die Gesichter der Menschen, die unter mir stehen, werden vom Licht bestrahlt, so dass sie aussehen, als wären sie Gespenster. Sie sehen nicht, was gerade auf dem Schrank passiert. Ich schon. Der Schlitten hebt wieder ab, dreht
seine Runde hinter den Menschen und bleibt über den Köpfen stehen. Wie in der Nacht zuvor holt der Weihnachtsmann etwas aus dem Sack und wirft es in die Luft. Der Glitzerstaub sinkt langsam auf die Menschen und der dicke Weihnachtsmann dreht mit seinem Schlitten erneut seine Runde. Als der Glitzer die vier erreicht hat, umarmen sie sich. Frau Winkelbach schaut nach oben, sieht den Weihnachtsmann und lächelt. Leise flüstert sie:

„Fröhliche Weihnachten!“

Artikel veröffentlicht am 6. Dezember 2022 auf https://martinkrefta.de/2022/12/emily-und-der-sternenstaub

Artikel-Bild erstellt von Content Nation mittels Stable Diffusion.

0 Kommentare

Unser Algorithmus glaubt, diese Artikel sind relevant: