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Eine weibliche, kindliche Engels-Figur mit ausgebreiteten Flügeln, sie trägt einen Rock, Porzellan, befestigt auf der Spitze eines Tannenbaums, grauer Hintergrund

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Der Engel auf der Spitze

Von: Martin Krefta

immer wenn auf Erden,
ein Glöckchen klingelt,
bekommt oben im Himmel,
ein Engel seine Flügel.

Gedicht von Gabi Ebbighausen

22. Dezember 2020

Um mich herum ist nur Schwärze! Ob ich stehe oder liege, kann ich nicht bestimmen. Die Dunkelheit macht mir schon ein wenig Angst, da sie so allumfassend ist. Plötzlich dringt eine Stimme durch die Nacht an mein Ohr. Welche Sprache dies ist, ob Italienisch oder Spanisch, kann ich nicht sagen.

„James, hier ist noch ein Paket für die Hausnummer 83. Willst du das gerade wegbringen oder soll ich das erledigen?“

Die Stimme, die ich da vernehme, klingt verzerrt, aber eindeutig weiblich. Nun glaube ich auch zu wissen, wo ich mich befinde, in einem Postwagen. Aber wer ist bloß die Familie in der Hausnummer 83? Hoffentlich geht sie gut mit mir um. James muss etwas erwidert haben, denn auf einmal werde ich hochgehoben und ordentlich durchgeschüttelt. Ich fühle mich wie eine Flipperkugel, die durch den Automaten springt.

„Guten Abend Frau Winkelbach, ich habe eine Sendung für Sie.“

Zunächst vernehme ich nichts, aber dann höre ich doch etwas: eindeutig eine
weitere weibliche Stimme, vermutlich die von Frau Winkelbach.

„Ach, das ist ja super, zwei Tage vor Weihnachten bekomme ich noch meine Bestellung! Klasse! Dankeschön!“

Daraufhin werde ich wieder unsanft behandelt und einige Minuten später sehe ich einen kleinen Lichtfleck, der nach und nach größer wird. Als die Verpackung geöffnet wird, in der ich mich befinde, sehe ich eine weiße Tapete und eine halbmondförmige Lampe. Plötzlich schiebt sich ein Gesicht in mein Blickfeld und die Stimme von eben sagt:

„Du bist aber wunderschön! Dich stelle ich erst einmal auf den Schrank zu den Anderen.“

Eine Hand schiebt sich um meinen Körper und hebt mich aus dem Karton. Nun, da keine Dunkelheit mehr ringsum ist, kann ich auch die Frau und den Raum, in dem ich mich befinde, sehen. Frau Winkelbach ist schätzungsweise Ende 50 braune lange Haare, ein freundliches Gesicht und Blau grüne Augen, die mich Aufmerksam mustern. Mitten im Raum steht ein großer, geschmückter und wunderschöner Tannenbaum. An der einen Wand, befindet sich ein kleines Fenster, welches offen steht, wahrscheinlich, um durchzulüften. Und vor diesem steht ein kleiner runder Tisch, der mit einem Adventskranz und Kastanien geschmückt ist.

„Du bekommst den Namen Emily von mir und dich stelle ich ganz nach vorne.“

Emily also, warum nicht? Ich finde den Namen schön und er passt zu mir. Frau Winkelbach trägt mich zu einem schwarzbraun gefleckten Holzschrank, auf dem schöne Figuren und ein kleines Dorf stehen. Aber bevor ich mehr sehen kann, richtet mich Frau Winkelbach mit dem Gesicht zum wunderschönen und geschmückten Tannenbaum aus.

„Morgen werde ich dich dann auf die Spitze setzen, denn da gehörst du hin.“

Ich freue mich so sehr und als ich dies vernehme, wackle ich mit meinen Flügeln. Frau Winkelbach sieht es und strahlt über ihr ganzes Gesicht.

23. Dezember 2020

Bislang habe ich niemanden gesehen, weder Frau Winkelbach, noch jemand anderen. Der Tannenbaum sieht wirklich wunderschön aus, er leuchtet in allen Farben und natürlich liegen unter dem Baum viele bunte Geschenke, kleine und große, schmale, aber auch Breite. Der Tisch ist nicht nur mit einem Adventskranz und Kastanien geschmückt, sondern auch mit einer Lichterkette. Diese war auch die letzte Nacht an und hatte Sterne Dort projiziert, wo die Lichter hinfielen. An der gegenüberliegenden Wand geht die Tür auf und Frau Winkelbach kommt mit zwei Leuten in den Raum. Eine junge, attraktive Frau und ein kleiner Junge. Die Frau hat lange, blonde Haare, eine kleine Nase, hellbraune Augen und einen kleinen Mund. Der Junge hingegen hat kurze, schwarze Haare und einen verträumten Blick, als denkt er Über sein neues iPhone nach. Außerdem hat der Junge viele Sommersprossen und kleine Pickel im Gesicht. Frau Winkelbach stellt sich vor mich und flüstert:

„Hallo Emily, ich hoffe, du hattest eine wunderschöne Nacht. Das sind meine Tochter und ihr Sohn. Sie helfen mir, den Tisch zu decken und dich auf die Spitze zu stellen.“

Sie wendet sich ab und spricht den Jungen laut an:

„Tom, was hältst du von den Geschenken?“

Der kleine Junge schaut auf und meint:

„Die sehen ganz gut aus, sind sie alle für mich?“

Frau Winkelbach und die junge Frau lachen und der Junge, Tom, wird knallrot und lächelt schüchtern.

„Sara, kannst du mit Tom in die Küche gehen und Geschirr für den Tisch suchen?“, fragt Frau Winkelbach und zeigt dabei auf den Wohnzimmertisch am Fenster. Die blonde nickt und schiebt ihren Sohn aus dem Raum zur Küche.

„Was mache ich in der Zwischenzeit?“, Murmelt Frau Winkelbach mehr zu sich selbst und dreht sich wieder zu mir.

„Du bist wirklich schön, Emily. Da habe ich echt einen guten Kauf im Internet getätigt.“

Frau Winkelbach geht zum Tannenbaum, bückt sich, hebt ein Geschenk hoch und kommt wieder zu mir. Kurz bevor sie bei mir angelangt ist, hält sie an und schüttelt den Kopf. Sie geht wieder zurück und legt das Päckchen wieder an seinen Platz. Tom kommt mit allerhand Geschirr ins
Wohnzimmer und meint:

„Mama hatte die Teller, die sie dir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte, nicht gefunden, deswegen nehmen wir welche mit Rentieren,
Tannenbäumen, Schneeflocken und Engeln drauf.“

„Das ist nicht schlimm, mein lieber. Die konnte deine Mutter auch nicht finden, sie sind hier im Wohnzimmer im Schrank.“, Sagt Frau Winkelbach zu ihrem Enkel. Sie geht zu Tom, Der gerade das Geschirr verteilt. Frau Winkelbach greift sich das Besteck und platziert es neben den Tellern. „Warum decken wir eigentlich für vier Personen? Wir sind doch morgen nur drei oder nicht?“, fragt Tom seine Oma, die gerade Tassen und Gläser aus dem Schrank unter mir holt. Frau Winkelbach schüttelt den Kopf und antwortet:

„Nein, es kommt morgen Sabine, das ist eine gute Freundin von mir.“ Sie dreht sich um, deutet mit einem Finger auf mich und sagt:„Könntest du bitte Emily hier vom Schrank nehmen und auf die Spitze des Baumes stellen?“ Tom sieht seine Oma sehr merkwürdig an, so als hätte sie ihn aufgefordert, zu tanzen.

„Wen meinst du mit Emily?“, fragt er verwirrt. Frau Winkelbach lächelt, streicht dem Jungen über den Kopf und sagt dann:

„Emily ist die vorderste Figur auf dem Schrank.“

Tom schaut erst zu mir, dann skeptisch zum Tannenbaum und geht aus dem Wohnzimmer. Kurz nach dem der Junge gegangen ist, kommt die Tochter von Frau Winkelbach herein und stellt einen Kerzenleuchter auf den Tisch. Sie kommt zum Schrank, Kniet sich aus meinem Blick und nimmt etwas heraus. Sara geht wieder zurück zum Tisch, hebt den Leuchter an und breitet Servietten auf dem Tisch aus.

„Der Tisch sieht wirklich wunderschön aus, eigentlich sieht das ganze Wohnzimmer super aus! Jetzt kann Weihnachten kommen!“, Sagt Sara und breitet die Arme aus, so als würde sie die ganze Welt umarmen wollen. Frau Winkelbach will gerade antworten, sie hat auch schon den Mund geöffnet, als Tom durch die Wohnzimmer Tür poltert und stolz verkündet:

„Ich bin nicht mehr Tom, sondern Bopp der Baumeister, denn ich habe einen richtigen Männerauftrag, und zwar Emily auf die Spitze stellen, deswegen habe ich auch eine Leiter mitgebracht.“

„Dann zeig mal, Bob, was du drauf hast.“, Meint seine Mutter mit einem Lächeln im Gesicht. Der kleine Baumeister kommt auf mich zu, streckt seine Hand nach mir aus, aber bevor er mich nehmen kann, ruft Frau Winkelbach:

„Geh bitte vorsichtig, wirklich sehr vorsichtig mit Emily um.“

Er macht das Friedenszeichen und nimmt mich ganz vorsichtig, als könnte ich jeden Moment in tausend Einzelteile zerspringen. Bopp der Baumeister steigt auf die Leiter, setzt mich ganz behutsam auf die Spitze des Tannenbaums und richtet mich so mit meinem Gesicht aus, dass ich den ganzen Raum überblicken kann. Er steigt von der Leiter und ruft:

„Der Auftrag wurde erfolgreich ausgeführt, wenn die Damen mich nun entschuldigen würden, ich habe jetzt noch einen weiteren Auftrag zu erledigen.“

Von hier oben habe ich so einen guten Ausblick, als Sessel ich auf dem Mond. Tom und Frau Winkelbach verlassen das Wohnzimmer. Sara guckt auf die Geschenke und lächelt. Sie zieht ein kleines, blaugrün gestreiftes Päckchen aus ihrer Bluse und legt es zu den anderen Geschenken. Sie schaut in meine Richtung, zwinkert mir zu und verlässt ebenfalls das Zimmer. Nun bin ich alleine, natürlich nicht ganz
alleine. Die anderen Figuren, die ich jetzt sehen kann, stehen auf dem Schrank. Da steht ein sehr schlecht gelaunt rein blickender Schneemann, der in der Hand einen Besen hält. Außerdem trägt er einen blauen, anstatt eines schwarzen Zylinders auf dem Kopf. Neben dem
Schneemann steht ein dicker Weihnachtsmann zwischen mehreren Rentieren, sowie ein Hirte und ein lauernder Wachhund bei seiner Schafsherde. In der einen Hand hält der Hirte einen großen Lederbeutel und in der anderen einen Wanderstock, auf den er sich
momentan stützt. Hat sich das erste Rentier gerade bewegt oder war das meine blühende Fantasie, die mir da einen Streich spielt? Da, schon wieder! Ich glaube, das Rentier kann sich wie ich bewegen, aber eigentlich… Naja? Ich behalte das Tier im Auge. Hinter dem Weihnachtsmann befindet sich ein kleines Dorf mit einer Vielzahl an Tannenbäumen, die umzäunt sind sowie mehreren Häusern, in denen Lichter brennen. Vor den Häusern befindet sich ein kleiner Teich, auf dem eine LED-Leuchte auf dem Wasser schwimmt. Dreh ich jetzt komplett durch oder sehe ich doppelt? Am Ufer steht das Rentier und trinkt genüsslich das Wasser vom Teich. Wenn ich bloß reden könnte... Warum versuche ich es
nicht einfach?

„Hallo, hallo, Rentier, du da, hörst du Mich?“

Das braune Tier (oder ist es braungrau? Das kann ich auf die Entfernung schlecht sehen.) hebt den Kopf und legt diesen schief, als würde es lauschen.

„Ho-Ho-Ho, ich bin der Weihnachtsmann.“, Sagt eine Stimme von weiter vorne. Als ich wieder in die Richtung sehe, in der der dicke Weihnachtsmann steht, winkt er mir mit seinem Wanderstock zu und grinst über sein ganzes Gesicht.Der Weihnachtsmann klettert in seinen Schlitten, den ich gar nicht gesehen habe, pfeift zwischen den Zähnen und seine Herde setzt sich in Bewegung. Das Rentier am Bach bemerkt, dass es aus der Reihe getanzt ist, läuft hinter dem Schlitten her, springt über den Schneemann und reiht sich in die Kolonne. Keinen Augenblick zu früh, denn im nächsten Moment hebt der Schlitten vom Schrank ab. Ich verfolge mit meinen Augen, wie der Weihnachtsmann dreimal um den Tannenbaum fliegt und schließlich vor mir stehen bleibt.

„Ho-Ho-Ho, wie ist dort oben die Aussicht?“, Fragt er und zeigt mit seinem Wanderstock auf mich. Als Antwort wackle ich mit meinen Flügeln und nicke ihm zu.

Der dicke Weihnachtsmann streicht sich mit der Hand über seinen langen weißen Bart und zwinkert mir zu. Er ruft etwas und sein Schlitten mit den Rentieren setzt sich in Bewegung. Sie bleiben über mir stehen. Der Weihnachtsmann holt etwas aus seinem Sack, wirft es in die Luft und winkt mir noch einmal zu. Was ist das nur? Es sieht aus wie Staub, glitzert aber im Kerzenschein. Es bewegt sich auch nicht. Der Staub oder was das genau ist, bleibt in der Luft stehen. Doch, jetzt, es fällt langsam, ganz langsam, so als wäre es Schnee, wie der, der auch gerade vor dem
Fenster niedergeht. Noch kann ich nichts Genaueres sagen, nur dass es glitzert. Plötzlich wird alles dunkel und Überall gehen Lichter an. Jetzt kann ich es auch besser sehen und beschreiben. Tatsächlich, es ist Glitzerstaub, den der Weihnachtsmann da aus dem Sack geholt hat. Der Staub kommt langsam auf mich herabgesunken und als er über mir ist, fallen mir sofort die Augen zu und ich schlafe ein…

24. Dezember 2020

„Guten Morgen Emily.“, dringt eine Stimme von unten an meine Ohren. Als ich meine Augen aufschlage und nach unten sehe, blickt ein grinsender Tom zu mir empor. Nachdem ich mit meinen Flügeln gewackelt habe, geht Tom zu den anderen, die um den Tisch versammelt
sind. Ich hatte einen komischen Traum, in dem ein Weihnachtsmann, der auf einem Schlitten saß, durch das Wohnzimmer geflogen ist. Ist das überhaupt ein Traum gewesen? Denn die Rentiere, der dicke Weihnachtsmann, der Schlitten, alles sieht so normal aus, aber...

„Machen wir jetzt Bescherung?“, Fragt Tom mit aufgeregter Stimme in Richtung der anderen drei Personen. Frau Winkelbach steht vom Tisch auf und klatscht in die Hände. Neben ihr sitzt eine schwarzhaarige, junge Frau mit einer Silberkette um den Hals. Nun steht sie ebenfalls auf und geht zu einer Anlage in der Ecke. Die unbekannte Frau, nein, es muss sich da um Sabine, also die Freundin von Frau Winkelbach handeln,
legt eine CD in das Fach und leise ertönt das Lied „Oh Tannenbaum“…

O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerszeit, nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter!

Nun stehen auch Sara und Tom auf und fassen sich an den Händen. Frau Winkelbach und Sabine gesellen sich zu den beiden. Sie gehen auf den Tannenbaum zu, Bleiben kurz vorher stehen und singen fröhlich mit. Ich finde es so wunderbar, dass ich auch im Geiste mitsinge und wieder mit den Flügeln wackle. Auf einmal geht das Licht im Wohnzimmer aus und nur die Beleuchtung des Tannenbaums ist noch an. Die Figuren auf dem Schrank werden plötzlich wieder lebendig. Der Schneemann tanzt mit seinem Besen in der Hand, so als wäre eher der Doppelgänger von Michael Jackson. Der dicke Weihnachtsmann springt leichtfüßig auf seinen Schlitten und spornt seine Rentiere an. Aus den
Schornsteinen der Häuser steigt Rauch auf und Austin Türen treten Menschen auf die Straßen, fassen sich auch an den Händen, stellen sich um den Teich, auf dem die LED-Leuchte wieder leuchtet und singen auch leise mit. Die Gesichter der Personen, die unter mir stehen, werden vom Licht bestrahlt, so dass sie aussehen, als wären sie Gespenster. Sie sehen nicht, was gerade auf dem Schrank passiert, aber ich umso besser. Der Schlitten hebt nämlich gerade wieder vom Schrank ab und dreht seine Runde hinter den Menschen, so dass sie ihn nicht sehen. Das Gefährt bleibt in der Luft über den Köpfen stehen, wie in der letzten Nacht auch bei mir. Und auch wie in der vorigen Nacht holt Der Weihnachtsmann etwas aus dem Sack und diesmal wirft er es nicht in die Luft, sondern er hustet in seine Faust. Und wieder sieht es aus wie Glitzerstaub. Der Staub singt langsam auf die Menschen und der dicke Weihnachtsmann dreht erneut seine Runde. Als der Staub die vier erreicht hat, fangen sie an zu leuchten und umarmen sich. Frau Winkelbach schaut nach oben, sieht den Weihnachtsmann und lächelt. Leise flüstert sie:

„Fröhliche Weihnachten!“

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