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Symbolbild römische Kanalisation

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Zeitreise nach Rom im Jahre 64 n. Chr.

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6 Arno und Caius

Den Zeitsog muss man sich wie einen Strudel vorstellen. Geht es in die Vergangenheit, beginnt der Strudel mit schneller Drehung, die sich, je weiter man in der Zeit zurückgeht, verlangsamt, während der Druck auf den Leib stetig wächst. Nur durch den Raumanzug überstand ich unverletzt alle Zeitreisen. Nun ging es von der Eiszeit aus in die Zukunft. Entsprechend begann die Reise in langsamem Tempo und wurde immer schneller.

Eine Landung wie diese wünsche ich niemandem: auf Händen und Knien in brackigem, stinkendem Wasser. Offensichtlich war ich in eine Kanalisation gekommen. Der Kopf stieß an deren Decke. Es blieb mir nichts übrig, als einen Ausgang zu suchen.

Von weit her drangen Töne an meine Ohren. Ich kroch rückwärts auf die Schallquelle zu, weil der Gang zum Umdrehen zu schmal war.

Endlich erreichte ich diese. Ein Mensch sang in lateinischer Sprache von Jesus, Hilfe und höchster Not. Mein Latein war in der Schule mies gewesen, obwohl ich mich für die römische Zeit sehr interessiert hatte.

Nun kniete ich in Scheiße und Pisse. Der Mensch, der das ausschied, war schwer krank. Seine brüchige Stimme vernahm ich deutlich über mir.

Getreu meiner Maxime, möglichst wenig in die Zeit einzugreifen, in die ich gekommen war, aber doch überall, wo ich konnte, zu helfen, streckte ich die Arme nach oben aus und ertastete einen steinernen Deckel von einem Meter Durchmesser mit einem Loch in der Mitte. Der Deckel war zu schwer, um diesen mit Muskelkraft zu heben. also hob ich diesen magisch um gut einen Meter in die Höhe.

Nun kletterte ich in den Raum über mir. „Ratzeputz“ reinigte den Sänger, den Raum, in dem wir beiden uns befanden, mich selbst und einen Teil des unter mir fließenden Kanals.

„Constat Miraculum esse gerrendum! (Fest steht, dass ein Wunder geschehen muss)“, rief der Sänger aus. Er lag einen halben Schritt neben mir auf einer dünnen Wolldecke, unter der sich ein wenig Stroh befand.

Der Raum war rund mit einem Radius von einem römischen Doppelschritt, maß also gut sieben Quadratmeter. Drei Meter über uns verschloss ihn eine hölzerne Platte. Ursprünglich diente dieser Raum den Kanalarbeitern für kurze Aufenthalte. Die Luft darin war abgestanden und roch muffig. Den armen Menschen, der hier seine Tage fristete, hatte man wahrscheinlich vergessen.

„Jesus, Maria und Joseph! Was muss jemand verbrochen haben, damit man ihm das antut?“, rief ich aus.

Natürlich hatte ich Deutsch gesprochen, was der arme Sänger nicht verstand. Wohl aber erkannte er das Wort: „Jesus“. Also fragte er: „Credisne in Jesum Christum (Glaubst Du an Jesus Christus)?“

„Credo in unum deum, patrem omnipotentem … (ich glaube an den einen Gott, den allmächtigen Vater ...)“, plapperte ich daraufhin das lateinische Glaubensbekenntnis her, das ich in mancher Messe im Kirchenchor mitgesungen hatte. Der Sänger stöhnte und sank in Ohnmacht.

Ich untersuchte ihn gründlich. Alles deutete auf Malaria hin. Seine Stirn und der ganze Leib war glühend heiß, obwohl der Raum keineswegs wohl temperiert war. Inge hatte mir einiges über Malaria erzählt, und deshalb war ich mir meiner Sache sicher. Also wirkte ich einen Zauber, der den Malariaerregern die Vermehrung für mindestens eine Woche verwehrte. Sofern er wohl genährt und passend gekleidet wäre, hätte er gute Chancen, die Krankheit völlig abzuschütteln.

Aber daran genau mangelte es. Außer der Decke und dem bisschen Stroh, das ich nochmals magisch säuberte, gab es nur einen Krug, der gut acht Liter fasste, nun aber leer war bis auf den Grund.

In diesem Augenblick machte sich jemand an der Platte über uns zu schaffen. Darin gab es eine Tür, die man entriegeln und dann hochziehen konnte. Das wurde nun getan, und ein älterer Jugendlicher seilte sich ab.

„Eho“, rief er aus. Er zückte seinen Dolch und stach auf mich ein. Ich rang ihm die Waffe aus der Hand und warf sie neben mich. Den Jungen hielt ich fest, tat ihm aber nicht allzu weh.

„Haben also die Senatoren doch Recht“, rief er, „die denken, Arno und seine Gemeinde hätten den Brand gelegt, der immer noch in Rom wütet! Da kommt nun der Befreier, und ich kann ihn nicht mal töten!“

„Hätte er Dich töten wollen“, sprach der Sänger, „hätte er es schon getan. Ich kenne ihn auch nicht, aber seit er da ist, geht es mir besser. Ich werde nicht fliehen, weil ich auf Gott und die Gerechtigkeit der Gesetze Roms vertraue.“

„Ego sum Willi. Venio ex temporas futuras“, sprach ich.

Dass der Junge kuhäugig glotzte, brauchte ich nicht zu sehen. Mein Latein war fehlerhaft, aber er hatte verstanden, was ich sagen wollte: „Ich bin Willi. Ich komme aus zukünftigen Zeiten.“

„Ihr Götter!“ Der Junge dachte nach. „Was ist das für eine Rüstung! So etwas gibt es doch gar nicht. Und trotzdem lebe ich noch? Warum?“

„Weil auch er ein Anhänger Jesu Christi ist“, sprach der Sänger, „und wie ich, Arno Hardrinus Caecus, auf Gottes Hilfe und die Gerechtigkeit des römischen Gesetzes hofft.“

„Arno ist krank“, sprach ich und ließ ihn los. „Er kann gesund werden, wenn er anständige Kleider und gesundes Essen bekommt.“

Der Junge hatte verstanden. „Darum werde ich mich kümmern“, sagte er, „Bei dem Brand und dem Einfangen der Gemeindeglieder haben wir Arno fast vergessen. Ich schaffe alles Nötige herbei. Meinen Vorgesetzten werde ich melden, dass Arno krank ist.“

„Warte“, sagte ich, bückte mich, tastete mit den Händen den Boden ab, fand den Dolch und gab diesen dem Knaben. Nun erkannte er, dass ich blind bin. Hätte er gewusst, wo er zustechen musste, er hätte mich auch im Raumanzug töten können. Doch er dankte verlegen und verschwand, ließ aber die Tür offen.

Leicht hätte ich per Magie unsere Flucht bewerkstelligt. Doch wohin hätte ich gehen sollen, und außerdem wollte ich nicht mehr eingreifen als unbedingt nötig. So warteten wir einige Stunden, die Arno meist verschlief.

Endlich erschien er zusammen mit einem germanischen Sklaven. Sie brachten: einen frischen Strohballen, eine Wolldecke, eine etwas verschossene und vielfach geflickte wollene Toga, vier Laiber Brot, jeder war ein römisches Pfund schwer (326 g), einen großen Laib Schafskäse, eine Amphore Wasser mit etwas Wein versetzt und vier Äpfel mit.

„Ich bin Caius Tullius Pullo“, sagte er, „und das ist Rodericus, unser Sklave. Ich hab’ne Idee: Willi, so nennst Du Dich ja: Du kannst grade so viel Latein, dass Du mit mir die Grammatik einüben könntest. Ich muss nämlich in achtzehn Tagen die große Abschlussprüfung der Grammatikschule ablegen. Weil mein Familienzweig verarmt ist, musste ich in der Geheimpolizei aus­helfen und die Christengemeinde des Arno überwachen. Dafür zahlte mir der Senat die Schulgebühren. Natürlich blieb mir durch die Arbeit nicht genug Zeit, um für die Prüfung zu lernen. Darum stehe ich im mündlichen Latein auf genügend bis gut, also zwischen den Noten II und III, aber in Grammatik auf mangelhaft, also auf IV. Und bis zur Prüfung haben wir Zeit, das weiß ich jetzt. Ihr beiden übt mit mir und Roderik, dafür versorge ich Euch mit Essen und gutem Stroh.“

„So soll es geschehen“, sprach ich. „Hoffentlich bringst Du Dich nicht in Schwierigkeiten“, ergänzte Arno, „Caius, wir werden für Dich beten.“

In den nächsten Tagen kümmerte sich Caius rührend um uns. Wir bekamen Wasser zum Waschen und mit Wein versetztes Wasser zum Trinken, stets Obst und Brot, manchmal sogar eine Schüssel ziemlich warmer Gemüsesuppe mit Fisch. Wir büffelten gemeinsam die Grammatik und hörten einander die unregelmäßigen Verben, Deponentien und Semideponentien ab. Nach zehn Tagen sprach und schrieb ich Latein so gut wie die besten Grammatikschüler seiner Anstalt, meinte Caius. Meine Buchstaben ritzte ich in eine Wachstafel, die Caius ebenso wie einen Stichel mitbrachte. „Das ist aus meinem Laden“, erklärte Arno.

Arno hatte sich sichtlich erholt. Er erzählte uns seine Lebensgeschichte:

Sicher erleide ich die Strafe Gottes für meine Sünden. Und vielleicht wurde mein Vater mit mir für die seinen gestraft, denn kurz nach der Geburt bekam ich die Blattern, die mir das Augenlicht nahmen.

Die Familie der Hardrini lebte in der Stadt Enna auf Sizilien. Mein Vater war ein geschäftstüchtiger Krämer. Weil wir sparsam lebten, hatten wir bald so viel zusammen, dass wir in Ostia einen Laden für Gewürze aus den Provinzen und am Palatin das untere Stockwerk einer Insula beziehen konnten.

Ich war das einzige Kind meiner Eltern. Als ich in das Alter kam, in dem die Fleischeslust erwacht, verstand ich, warum: Mein Vater fühlte sich zu Männern hingezogen, und regelmäßig ging er seinem sündigen Verlangen nach. Ich befragte meine Mutter, weil auch ich in mir das sündige Begehren verspürte, und sie erzählte mir, dass er sie nur in der Hochzeitsnacht mit Gewalt genommen habe und froh war, als er erfuhr, dass sie schwanger geworden sei. Die Neigung des Mannes zum Manne ist zwar unter den Heiden verbreitet, doch gilt sie unter frommen Anhängern der römischen Götter als anrüchig.

Meine Mutter verhinderte, dass mein Vater sein Recht als Hausherr ausübte und mich tötete. Sie verwies darauf, dass er die Strafe um seines sündigen Verlangens willen annehmen und mich gut erziehen müsse, wenn er davon nicht lassen könne.

Als ich zehn Jahre alt war, erstand er Aristophanes für wenig Geld, einen damals 20jährigen Griechen aus Alexandria, der die Philosophenschule besucht hatte, aber, mit verkrüppelten Beinen, schlechten Augen und sehr kurzen Armen ausgestattet, für Hausarbeiten kaum und für Feldarbeiten nicht zu gebrauchen war. Aristophanes erkannte meine Wissbegierde und tat alles, um mir sein Wissen weiterzugeben. Er lehrte mich: Lesen, Schreiben, Rechnen, Ägyptisch und Griechisch. Keine Steinwand, in die Buchstaben geritzt waren, war vor meinen tastenden Händen sicher, so dass ich bald die griechische, die lateinische und die ägyptische Schrift beherrschte. Ich lernte den Aulos und die Kithara zu spielen, und als ich älter wurde, lehrte er mich zunächst die Kunst der Rede und, als er das Erwachen meines Begehrens spürte, die so süßen wie sündigen Arten, einander im Verlangen erst zu mehren und danach zufriedenzustellen.

Ich war ein gebildeter, der Sünde ergebener Mann, als Aristophanes in meinen Armen an den Blattern starb, jener Krankheit, die mich nach der Geburt blind gemacht hatte. Natürlich konnte ich den Laden meines Vaters nicht übernehmen, weil ich dann einen ständigen Begleiter auf den Wegen und seinen Reisen in die Provinzen gebraucht hätte. Also kaufte er mir einen Schreibwarenladen und stattete mich gut mit Geld aus, so dass ich mit dem Geschäft anfangen konnte. Meine Mutter hatte inzwischen Paulus von Tarsus reden hören und war Christin geworden, ohne dass wir das bemerkten.

Dann aber starb mein Vater. Er war nach Pamphylien gereist und hatte dort in einem Hause der Sünde seinem Begehren gefrönt, sich aber dabei mit einem hitzköpfigen Freier um den schönsten jungen Mann gestritten, dessen Befriedigung es für Geld zu kaufen gab. Der hatte seinen Dolch gezückt und meinem Vater dessen Klinge bis zum Heft in die Eingeweide gerammt, kurz über jener Stelle, mit welcher er seine sündigen Werke vollführte. Seine Freunde, die alles mit angesehen hatten, aber nicht mehr hatten eingreifen können, berichteten uns, wie er unter fürchterlichen Schmerzen nach einem Tage und einer halben Nacht seinen Wunden erlegen war. Da erhielt ich das Hauptgeschäft meines Vaters zum Erbe und machte daraus eines der größten Schreibwarenläden in ganz Rom.

Meine Mutter, die an Typhus auf den Tod daniederlag, flehte mich an, von der fleischlichen Lust zu lassen und mich Jesus Christus zuzuwenden, der alle Sünden vergibt. Ich tat ihr den Gefallen. Da ich Ägyptisch und Griechisch sprach, konnte ich der Gemeinde einige weitere Personen mit Einfluss aus vielen Provinzen hinzufügen. Leider quält mich mein sündiges, auf den Mann gerichtetes Begehren noch immer, und ich hoffe, dass die Gefangenschaft und vielleicht mein Tod diese Sünden abstrafen mögen, so dass ich unbefleckt vor unseren himmlischen Vater treten kann.

Caius meinte: „Mein Vorgesetzter Brutus lässt sich von mir befriedigen. Ich mach mit, dann ist er nett zu mir. Aber ich finde es mit Mädchen schöner.“

„Oh Caius“, sprach Arno, „dann bist Du zweifach verdammt: wegen Deines heidnischen Glaubens und wegen Deines Mittuns bei sündiger Lust.“

Ärgerlich entgegnete ich: „Arno, Glaubst Du, Gott müsse jemanden mehrfach verdammen, nach dem Motto: Doppelt genäht hält besser? Einmal verdammt ist verdammt. Wenn er ihn aber nicht verdammt hat, kann er immer noch umkehren. Mindestens mal von den Göttern seiner Väter zu ihm, dem allmächtigen Vater, und zu unserem Bruder und Herrn Jesus Christus, seinem Sohn.“

„Du hast Recht, Willi“, antwortete Arno, „und Gott hat ihn bisher beschützt. Sonst wäre er vielleicht schon tot, weil er mit uns freundschaftlich umgeht.“

„So ist es“, entgegnete ich, „und ich bin sicher, dass Gott Dich nicht für Deine fleischliche Sünde bestraft. Dass Du hier bist, hat einen anderen Grund,und wenn Du stirbst, geschieht es aus anderer Ursache. Hast Du Dich denn noch einmal deinem Begehren ergeben, nachdem Du Christ geworden bist?“

„Nein, das habe ich nicht, auch wenn es mir manchmal schwerfiel. Nur in meinen Träumen erliege ich der Versuchung oft, indem ich mit Aristophanes das böse Werk betreibe. Ich frage mich, ob ihn die Hölle mir schickt, um mich zu versuchen.“

„Arno“, fragte ich, „hast Du Deinen Lehrer Aristophanes geliebt?“

„Ich liebe ihn noch immer“, antwortete dieser nach langem Zögern, „und deshalb ist es so schlimm für mich, ihn in der Hölle zu wissen und zu erkennen, dass diese ihn nutzt, um auch mich zu verderben.“

„Ob Aristophanes verdammt ist“, antwortete ich ruhig, „weiß Gott allein. Du, Arno, lebst noch und wirkst für die Sache Jesu. Gott ist geduldig. Er sieht deine Kämpfe mit der Fleischeslust. Wenn die Träume mit Aristophanes, deinem Geliebten und Lehrer, Dich versuchen sollen, dann schickt er selbst sie Dir, damit Du merkst, dass Du diese Sünde noch nicht überwunden hast.“

„Ist das schwierig mit Eurem Gott“, rief Caius aus, „Da bleibe ich lieber bei den Göttern meiner Väter.“

„Das verstehe ich gut, Caius“, entgegnete ich, „Ich aber glaube an Jesu Geduld. Er wird bestimmt dafür sorgen, dass auch Du zu uns und unserem guten Herrn findest. Weißt Du eigentlich, weshalb Arno eingesperrt und sogar mit dem Fuß an der Mauer angekettet ist? Und was hat man mit uns vor?“

„Ich wurde als Leiter der Gemeinde in eine besondere Zelle gesteckt“, sprach Arno, „damit ich die anderen nicht weiter aufwiegeln soll. Der Brand ist von meinem Hause ausgegangen, und man hält mich für den Verursacher, kann es mir aber nicht beweisen.“

„Ich weiß genau, dass Arno unschuldig ist. Man will Euch aber den Prozess machen, um zu zeigen, dass die Gerechtigkeit wirksam ist“, sagte Caius, „dabei werde ich als Zeuge auftreten. Ich bin nämlich seit gut einem halben Jahr bei Euch gewesen und habe jede Eurer Versammlungen mitgemacht. Ich weiß, dass Ihr keine Kinder opfert.“

Arno grollte. Er hatte Caius für einen guten Christen gehalten. Natürlich war ihm klar, dass ausgerechnet das Zeugnis dieses Einschleichers ihm und seiner Gemeinde die Freiheit retten könnte. Er haderte mit Jesus, den er nicht mehr verstand.

Drei Tage später kam Caius weinend allein zu uns. „Ihr Götter, was habe ich nur getan!“ Völlig verzweifelt rief er das aus. „Was ist denn los“, fragte ich und strich vorsichtig über seinen Kopf. Nach einer Weile begann Caius zu berichten:

„Der Senat hat getagt, und ich wurde hinzugerufen, um noch einmal über Arno und seine Gemeinde zu berichten. Gestern Abend ist plötzlich in der Privatarena unseres Kaisers Nero ein gigantischer Löwe mit außerordentlich dickem Fell aufgetaucht. Nero meinte, und sein Berater Seneca hat ihm zugestimmt, dass bei dem Sachstand ein Prozess unnötig wäre, weil wir die Christen damit nicht verurteilen könnten. Man könne aber diesen von den Göttern gesandten Löwen als Götterprobe nutzen. In fünf Tagen wollen sie Arno dem Löwen waffenlos zum Fraß vorwerfen. So lange soll das Tier nichts zu fressen bekommen und mehrmals durch die Arena gehetzt werden, damit er wild und hungrig ist. Sollte Arno den Löwen besiegen, will Nero die Kraft des Christengottes anerkennen, die Gemeinde des Arno frei lassen und die christliche Religion im ganzen Imperium Romanum tolerieren.“

„Dann hat Arno schon gewonnen“, rief ich vergnügt. „Ich werde das mit Magie regeln.“

„Bist Du ein Zauberer? Ich will einen Beweis!“, rief Caius ungläubig aus.

„Kommt sofort“, rief ich noch vergnügter, „Achtung: Schau auf die Wand genau vor Dir. Ich werde Arnos Geschichte in diese hineinritzen, ohne die Wand zu berühren. Darunter setze ich Arnos Lied, mit dem er immer wieder Gottes Hilfe in der Not erfleht. Ich schreibe das Lied in lateinischen Buchstaben Zeile für Zeile nieder, und über jede Zeile setze ich in griechischen Musikalienbuchstaben die Melodiephrase, mit der sie gesungen wird.
Inscribo subito!“

„Unglaublich!“, rief Caius, als in der Wand zunächst Zeile für Zeile und Spalte für Spalte Arnos Leidensgeschichte erschien, und darunter kurze Zeit später sein Lied samt dessen musikalischer Notation zum Vorschein kam:

Jesus, Sohn Gottes, erhöre mein Fleh’n aus der Tiefe!

Lass zu Schanden nicht werden den jüngeren Bruder in Christo!

Denn hoff ich als Sünder auf Gnade,

Du kannst alle Not für uns wenden.

Deine ganze Gemeinde steht heut vor dem Scheitern.

Hart im Reiche gejagt werden all Deine Lieben.

Nah ist der Tag, an dem Löwen zerfetzen den Leiter der Christen.

Bald kommt die Stunde des Todes für hunderte, die auf Dich bauten.

Aus den Tiefen der Erde, in Fesseln der Welt, dringe mein Flehen zu Dir!

„Bin ich aber froh!“ Caius hatte das gesagt. „Jesus, Sohn Gottes, erhöre mein Fleh’n aus der Tiefe!“, wisperte Arno, der in die Lektüre der Zeichen vertieft war.

„Na dann“, sprach ich, „Auf zur letzten Grammatiklektion!“

Am nächsten Tag hatte Caius seine große Prüfung. Von Sonnenaufgang bis zum Mittag analysierte er ein langes Gedicht von Horaz, das Zahlenrätsel enthielt, die er berechnen musste. Schließlich sollte er die Melodie des Gedichtes notieren. Gerade rechtzeitig war er fertig geworden. Drei Stunden nach dem Mittag war er mündlich geprüft worden. Danach musste er zum Senat, weil man vor Sonnenuntergang seinen Bericht über den Zustand des Arno verlangte. An diesem Tage erschien er nicht bei uns, so dass wir nach längerer Zeit wieder einmal fasteten.

Am Mittag des nächsten Tages aber erschien er mit Rodericus und zwei Sklaven. Alle waren bepackt mit gutem Essen in warm haltenden Tontöpfen.

„Ich habe die beste Prüfung abgelegt“, verkündete er stolz, „und unser guter Kaiser Nero hat beschlossen, mir für zwei Jahre die Rhetorikschule in Alexandria samt Reise dorthin zu bezahlen. Auch für Essen und Trinken kommt er auf; er zahlt 25 Sesterzen die Woche dafür. Ich muss erst Anfang März absegeln.“

Stolz zeigte Caius die Urkunden vor, die wir natürlich beide nicht lesen konnten, weil sie mit Tinte auf Papyrus notiert waren. Also spiegelte ich die Dokumente magisch in die zweite Wand und vergrößerte dabei die Buchstaben auf das Dreifache. Nun konnten wir sie im Stein lesen.

„Jetzt wird gefeiert!“ Caius schenkte uns Wein in gläserne Pokale ein, viel besseren als den, der sich in unserem Trinkwasser befunden hatte.

„Wird das unsere Henkersmahlzeit?“, fragte ich Caius. „Wenn Deine Magie klappt“, antwortete er, „ist Arno Morgen bei Sonnenuntergang frei. Ab dem Nachmittag wird der Imperator im Zirkus zuschauen, und um die letzte Stunde des Tages muss Arno sich dem Löwen stellen. Ich habe das Vieh gesehen. In Rom sieht man immer wieder in der Arena Löwen. Aber der ist fast doppelt so groß wie der größte, den ich gesehen habe. Bitte, Willi! Wirke Deinen besten Zauber!“

„Es wird alles geschehen, wie Gott, der Allmächtige, es will“, sprach Arno, „Lasst uns heute mit Caius das eitle Erdenleben feiern, und Morgen wird geschehen, was gut ist …“

Ich bemerkte einen seltsamen Geruch und wusste Bescheid. „Arno macht eine Zeitreise in die Zukunft“, rief ich völlig überrascht aus. „Das erkenne ich am Geruch.“

„Er ist weg!“, schrie Rodericus, der inzwischen auch gut Latein sprach; er hatte ja unsere Grammatiklektionen mitbekommen, und wir hatten ihn immer wieder mit drangenommen. Nun ergänzte er: „Verschwunden. Erst hat er sich auf der Stelle gedreht, ohne die Füße oder den Leib zu bewegen. Dann ist sein Fuß aus der Kette gekommen, obwohl diese noch vollständig ist. Und dann hat er sich immer schneller in die Luft hineingedreht!“

„Ich bin tot!“ Verzweifelt rief Caius das aus, „Hätte ich mich auf Euch bloß nicht eingelassen!“

„Nichts ist verloren“, sagte ich. „Wieso Arno in die Zukunft geht, weiß ich nicht. Aber ich bin noch da, und ich werde als Arno vor den Löwen treten. Caius, Du hast doch gesagt, dass niemand von mir weiß, außer Dir und Rodericus und jetzt natürlich den beiden Sklaven, die Du mitgebracht hast.“

„Das stimmt“, dachte Caius laut nach, „vielleicht ist es am besten so. Dann müssen wir Dich an die Kette schließen, und Du musst eine Toga anziehen, die so ähnlich ist wie die von Arno.“

„Willi kann meine nehmen“, sagte Rodericus, „Bei uns zu Haus laufen wir oft im Winter mit freiem Oberkörper herum. Und ich schließe ihn an die Kette, habe nicht um sonst in Germanien zwei Jahre lang Schmieden gelernt. Wir brauchen nur ein gutes Feuer!“

Bald wärmte ein kräftiges Feuer die Zelle, mein Fuß war angekettet, und ich trug die Toga des Roderikus, die mir gut passte, Arno aber viel zu groß gewesen wäre.

Wir beschlossen, es uns gut gehen zu lassen, und Caius brachte mir noch einige sehr zotige römische Gassenhauer bei. Auch diese zauberte ich in eine Wand des Raumes und setzte darüber unter dem Gelächter des Caius und seiner Sklaven in deutlich größeren Buchstaben die Worte: „Vita romana (römisches Leben)“. Wir sangen, aßen und tranken fast bis Mitternacht.

7 Vor Löwe und Kaiser

Erstaunlicher Weise verließ mich der Kater schnell. Gut so! Wie oft, wenn ich glaube, den Ausweg zu kennen, übertreibe ich gern mit meinen Kenntnissen. Ursprünglich hatte ich die Magie auf Arno wirken lassen wollen, doch der war in Raum und Zeit verschollen. Nun aber würde ich alle Konzentration für mich selbst brauchen.

Wie spät es sein musste, ließ sich an den Geräuschen der Stadt über mir erkennen: Kurz nach Sonnenaufgang wurde es laut, denn alle begannen ihr Tagewerk; zur Mittagspause trat Stille ein. Ich erwartete den nachmittäglichen Arbeitslärm, als sich mehrere Paare stiefelbewährter Füße näherten und die Tür entriegelt wurde.

„Auf zum letzten Gang, Arno!“ „Auch Du, Sulla, wirst nicht verhindern, was Gott für mich plant. Sterbe ich, dann sterbe ich dem Herrn, lebe ich, dann lebe ich dem Herrn.“

Caius hatte mir von seinem sadistischen Onkel Sulla erzählt und dessen keifende, laute und recht hohe Männerstimme immer wieder während unserer Schulexercitien vorgespielt. Offensichtlich freute der Herr Sulla sich darauf, einen Riesenlöwen zu sehen, der einen waffenlosen, blinden Römer der Mittelschicht verspeiste, und wahrscheinlich noch mehr auf das Blutbad, das sogleich danach mit den Christen seiner Gemeinde angerichtet werden würde. Dem wollte ich das Maul stopfen.

Nun sprach Rodericus, den ich hier nicht erwartet hatte: „Wenigstens wirst Du in Freiheit sterben, Arno!“

„Rodericus, Du kennst den Gefangenen und hast mit ihm gesprochen? Wenn wir aus dem Zirkus sind, wird die Peitsche Deinen Rücken zerfetzen!“

„Ob das geschieht, oh großer Senator“, predigte ich laut und salbungsvoll, während Rodericus mir umsichtig die Kette löste, „bestimmt Gott allein.“

„Senator“, sprach Rodericus ruhig, als Sulla mich schlagen wollte, „Du selbst hast gesagt: ‚Sein Blut darf nur der Löwe sehen.‘“

„Jetzt aber schnell zur Arena“, knirschte Sulla zwischen den Zähnen hervor.

Zwei weitere Sklaven hieften mich aus der Zelle, und im Laufschritt ging es zum Zirkus, nicht das Collosseum, aber doch ein beeindruckendes Bauwerk.

„Der Kaiser und gut 30000 Zuschauer werden sehen“, flüsterte Rodericus, „wie Du Dich gegen den Löwen schlägst.“

Der unangenehme Senator verließ uns, und ich wurde auf den Platz hinter dem Zirkus geführt. Hier standen viele Gladiatoren, dazu: Kampfhunde, Schlachtrösser und Kriegselefanten, alle an fest in die Erde gerammte Pfähle gekettet. Die Christen des Arno aber würden nur aus ihren Zellen gelassen, wenn der Löwe besiegt war. Keiner von ihnen war hier zugegen.

In einem besonders fest gezimmerten Käfig brüllte wütend der Löwe. Nun bekam ich es doch mit der Angst zu tun, denn ich erkannte das Ungeheuer sofort: Es war der Höhlenlöwe, den ich ausgeknocked und an den Rand der Fallgrube für die Mammuts geschoben hatte. Man hatte alles getan, um die Bestie hungrig und rasend zu machen. Dagegen würde ich rechtzeitig einen Lähmzauber wirken müssen, sonst wäre ich in allen Zeiten gestorben. Kaptein John, Adolf, Eric, Gerd, mein Mentor Ufal, Gitte, Schulamid, Elisabeth und vor allem Inge würden mich nie wieder sehen. Erst jetzt dachte ich voller Liebe an die Mannschaft der Entenpreis, nachdem für mich über 20 Jahre vergangen waren.

Die Vorführungen begannen. Der ganze Nachmittag und Abend stand im Zeichen des Kaisers:

Zunächst wurde die Zerstörung Carthagos nachgestellt, mit menschlichen und tierischen Akteuren. Das „Drehbuch“ hatte Kaiser Nero höchst selbst verfasst. So, wie es hier aufgeführt wurde, konnte man verstehen, dass Cato Priscus stets auf der Zerstörung jener großen Hafenstadt nahe dem heutigen Tunis bestanden hatte. Carthagos Herrschende nutzten ihre guten Beziehungen zu Ägypten, um Rom dessen Weizenlieferungen zu verweigern; es war zerstört worden, um Hungerkatastrophen in Rom entgegenzuwirken, vorausgesetzt, dass diese Darstellung der Wirklichkeit entsprach.

Nach dieser Vorführung holte man mich in die Arena. "Jetzt geht’s gegen den Löwen", dachte ich.

Doch führte man mich an eine hölzerne Schale, in der Tontäfelchen lagen. Diese wurden von mehreren Sklaven durchgeschüttelt und gerührt. Nun machte ich, der ja nicht sah, was ich ziehen würde, den Glücksboten: Es begann mit 20 Losen für je einen Gewinn von einem Aureus (100 Sesterzen, was mindestens 100 Euro nach heutigem Geld entspricht), zehn Losen von einem Jahr freier Miete im gemauerten, unteren Stockwerk einer Insula, fünf Losen für ein Stück guten Ackerlandes in der Nähe Roms und schließlich einem Los, dessen Besitzer ab heute sein gesamtes Leben hindurch von allen öffentlichen Abgaben befreit war.

Nun sprach der Ausrufer: „Alle, die eben gewonnen haben, erhalten ihren Gewinn, wenn der Löwe Arno heute verzehrt. Sollte der Gott der Christen jedoch siegen, bleiben den Gewinnern nur die Täfelchen als Andenken für ein Wunder. Lasst den Löwen ein!“

Das Publikum brüllte so laut, dass ich diesen nicht kommen hörte. Der hätte mich leicht und ohne Federlesen auffressen können; hungrig genug war er. Schlagartig verstummte das Publikum, und ich sang das Lied des Arno. Ich roch den Löwen, der genau vor mir stand. Beim letzten Verse streckte ich meine Hand aus und berührte ihn am Leibe. Er senkte das Haupt; ich streichelte ihn. Nun legte sich der Löwe zu meinen Füßen nieder und war völlig ruhig.

Ich hatte aufgehört zu singen und streichelte ihn weiter. Dann rief ich: „Bringt eines von den toten Pferden her, damit der Löwe sich satt fressen kann. Ihr habt ihn ja völlig ausgehungert!“

So geschah es. Der Löwe fraß, und sogar dabei konnte ich ihn vorsichtig berühren. Auf den Rängen blieb es still; man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

„Wunder über Wunder“, sprach der Kaiser, „Praetorianer, führt mich zum Gefangenen in die Arena!“

„Bist Du Nero, der Imperator des römischen Reiches?“, fragte ich ihn, als er in Begleitung von zwei Praetorianern die Arena erreichte. „Genau der bin ich.“ „Imperator, mögest Du mir erlauben, einige Wünsche zu äußern.“ „Sprich, Arno.“

„Bitte lass Caius Tullius Pullo und den Sklaven Roderikus, der seiner Familie gehört, hierher bringen. Und, bitte, lass denen, die heute am Nachmittag etwas gewonnen haben, ihren Gewinn. Es wäre doch schade, wenn dieser wundervolle Tag dadurch getrübt würde, dass Menschen um ihr Glück kommen, weil sie auf Fortuna gesetzt haben, wie es ihre Ahnen vor ihnen lange taten.“

„Praetorianer, holt Caius Tullius Pullo und den Sklaven Rodericus hierher. Bevor Du weitere Wünsche äußerst, Arno, sage mir, wie konnte es zu diesen Wundern kommen?“

„Imperator, indem Du mir befiehlst, dies darzustellen, erfüllst Du mir den wichtigsten Wunsch, denn ich muss viele Dinge klären.“

Während ich sprach, waren zwei andere Praetorianer mit Caius und Rodericus erschienen. Ich setzte fort: „Der Gott, dessen Wirken Ihr alle erfahren habt, ist der Herr über Zeit und Raum. Der Löwe, den Du, Imperator, vor einigen Tagen in Deiner eigenen Arena fandest, dem bin ich vor Jahren begegnet, habe ihn besiegt, aber nicht getötet, sondern vielmehr vor dem baldigen Hungertod bewahrt. Das hat er sich gemerkt, und deshalb ist er ruhig geblieben und frisst weiter, während wir miteinander sprechen. Gott der Herr fügt Dinge, wie wir Menschen es uns nicht vorstellen können.“

„Warum hast Du mich gebeten, Pullo und den Sklaven Rodericus zu holen?“ fragte Nero. „Beide haben mich im Falis versorgt und vor dem Tode durch das Sumpffieber bewahrt“, antwortete ich, „sobald der Löwe satt ist, könnte er in all den Menschen eine Bedrohung erkennen. Sie werden uns davor beschützen, dafür verbürge ich mich.“

„Die Götterprobe hat der Gott der Christen gewonnen“, sprach der Kaiser laut, „also sind alle Christen laut Senatsbeschluss frei. Praetorianer, öffnet ihre Zellen, löst ihre Ketten und gebt jedem Gefangenen: einen Laib Brot, einen Stockfisch, einen Winterapfel und ein Handteller großes Stück Honigwabe auf den Weg mit. Ich bestimme außerdem: Alle, die gewonnen haben, sollen das Fünffache dessen erhalten, was ihre Lose ihnen ursprünglich verhießen. Dem Gewinner der lebenslänglichen Freiheit von öffentlichen Abgaben lasse ich zusätzlich 10000 Sesterzen reichen. Und bevor dieser denkwürdige Tag endet, will ich, Nero, Imperator des römischen Reiches, diesen zu einem historisch einmaligen machen, indem ich eine Grundsatzrede halten und Euch allen, welchen Standes Ihr auch sein mögt, und woher Ihr auch kommen mögt, meine Gedanken zum Schicksal des Imperiums mitteilen will. Die Schnellschreiber mögen diese Rede notieren, und in allen Provinzhauptstädten meißele man diese in eine geeignete Steinwand.“

8 Des Imperators Rede

Viele Völker glauben an einen allerhöchsten Schöpfergott, der alles begonnen hat und mächtiger ist als alle anderen Götter, die auf Erden und in den Himmeln bestimmen. Wir nun können heute alle unterschiedslos bezeugen, wie dieser Gott als Ingenium, Friedensschaffer und Künstler seine Macht erwies: Ein völlig ausgehungerter Löwe, der gestern noch drei seiner fünf Wächter verletzte, legte sich friedlich zu Arno und ließ sich von diesem Gefangenen streicheln.

Zurecht betrachten wir Römer uns als die Lieblinge der Götter, die durch eigene Tugend mithilfe der Kunst des Krieges das größte Reich erschaffen und mit dem besten Staatswesen ausgestattet haben, das die Welt bisher kennt. Es steht fest, das unser Imperium nicht ohne die Zustimmung des Allerhöchsten so mächtig und dazu heute an allen Grenzen gesichert werden konnte. Ergibt sich daraus nicht eine Verpflichtung unseres Reiches dem Höchsten und der Welt gegenüber? Welche Verpflichtung ist das? Woher beziehe ich, dessen Imperator, von den Göttern abstammend, aber dennoch ein Mensch, sichere Kenntnis über das, was der allerhöchste Gott von uns Menschen will, der so erhaben über selbst alle Götter ist, dass kaum ein Volk es wagt, ihn anzusprechen, nicht einmal in Verehrung und Anbetung? Und wie soll der Wille des Allerhöchsten umgesetzt werden? Hört aufmerksam zu, und Ihr werdet es erfahren:

Ich bin ein Mensch. Anders als die meisten bin ich von hochadlieger Abstammung, leite meine Familie von den Göttern ab, bin umfassend gebildet und habe bereits viel von der Welt gesehen, so dass ich manches aus eigener Erfahrung kenne, was andere nur vom Hörensagen oder gar nicht kennen. Kurz: Von früh auf habe ich alle Vorteile unseres Imperiums genießen können. Daraus ergibt sich für mich die Pflicht, mein Wissen und meine Kenntnisse zum Nutzen aller Menschen im Imperium einzusetzen. Dabei sehe ich mich vor allem als Schöpfer des bestmöglichen Staates auf der Welt, also als Künstler, und meine Kunst besteht im Zusammenhalten, gerechten Verwalten und Verbessern des Imperiums. Das ist eine Aufgabe, die einen Gott verlangt, und wird diese mir als Mensch zuteil, dann kann das nicht ohne Zustimmung des Höchsten geschehen sein. Und wir haben eben alle gesehen, dass dieser allerhöchste Gott nicht nur durch Krieg und Gewalt mächtig ist, sondern auch durch Taten des Friedens. Das alles bringt mich, den Menschen Nero, zu einer sicheren Erkenntnis des Willens des Höchsten:

Gott ist Schöpfer. Gott wirkt auch im Frieden. Gott ist Künstler.

Uns Menschen wohnt das Bestreben inne, den Göttern ähnlicher zu werden. Je weiter wir zurückgehen, desto weniger Kultur hatten die Menschen, und je weiter wir fortschreiten, auf desto mehr davon dürfen wir hoffen, wenn wir nicht durch Unvernunft das Erreichte zerstören. Wir Römer erweisen uns dabei bisher als jenes Volk, das die Kulturen aller Völker seines Reiches in sich bewahrt und durch eigene Leistungen verbessert.

Gott will, dass alle Menschen in der Welt, unabhängig von Volk oder Stand, Schöpfer in der Welt werden, also Künstler.

Es gibt viele Arten der Kunst. Viele Menschen, auch solche aus niedersten Ständen, können sich künstlerisch betätigen, sofern die Umstände ihnen die Zeit lassen und die Mittel geben.

Wir Römer besitzen das größte Reich der bekannten Welt und können, ja müssen, den Willen des Höchsten umsetzen, dass alle Menschen Künstler werden, wenn wir als Reich zurecht fortbestehen und ein Gewinn für die Welt sein wollen, vor allem für die Einwohnenden des Reiches. Ich als Imperator des Reiches sehe mich in der Pflicht, alles zu tun, um allen Menschen im Reiche die Möglichkeiten und die Freiheiten zu verschaffen, in der Kunst, die ihnen auf den Leib geschrieben ist, zur eigenen Freude und zum Nutzen aller tätig zu sein.

Und wie soll das geschehen?

Lasst uns die Bildung im Reiche fördern und die Schande der Sklaverei abschaffen. Alle müssen des Lesens, Schreibens, Rechnens und der Künste soweit teilhaftig werden, dass jeder selbst aussuchen kann, worin er für sich selbst und das Imperium tätig werden kann. Jeder Mensch ist zum Künstler geboren, keiner zum Sklaven.

Unsere Vorfahren versklavten die Gefangenen aus den gewonnenen Kriegen als Zeichen ihres Sieges und zur Deckung der Kriegskosten. Kinder von Sklaven pflegen wir wegen ihrer Abstammung ebenfalls als Sklaven zu betrachten. Nun aber zeigt sich, dass immer mehr Maschinen die Arbeit von Sklaven ersetzen können: Eine Wassermühle zum Beispiel ersetzt die Arbeit von mehr als hundert Sklaven. Und mit gefärbten Holzlettern lassen sich schnell Texte in großen Stückzahlen herstellen, so dass viele diese lesen können.

Von heute auf Morgen können wir nicht auf Sklaven verzichten. Noch viel zu wenige Maschinen nehmen heute deren Arbeiten ab. Doch das muss sich ändern, und ich als Imperator des römischen Reiches werde alles in meiner Macht stehende dafür tun:

Wer eine Erfindung macht und mir demonstriert, dass sie die Arbeit von Sklaven ersetzt, dem garantiere ich die Freiheit von allen öffentlichen Abgaben für 20 Jahre, sofern er seine Erfindung auf eigene Kosten hat aufbauen und demonstrieren können, und die Befreiung von öffentlichen Abgaben für sieben Jahre, falls der römische Staat diese Erfindung finanzierte. Schon jetzt verfüge ich, dass ab heute das Töten eines Sklaven ebenso für Mord geachtet wird wie die eines Freien. Dasselbe gilt für die Misshandlung eines Sklaven. Sie ist ab heute verboten. In den nächsten Jahren werde ich den Verkauf und Ankauf von Sklaven beschränken und schließlich vollkommen verbieten. Kurz: Alles, was zur Befreiung von Alltagsarbeit dient, wird das Imperium Romanum fördern.

Und woher soll das Geld kommen? Nun: Bisher haben wir alle Völker Steuern zahlen lassen, auch alle Priesterschaften der Tempel. Nur die Tempel der Götter Roms nahmen wir davon aus. Das erachte ich als ungerecht, denn die römische Religion ist ein Glaube wie alle anderen. Wenn wir selbst den Glauben an den Höchsten besteuern, muss auch der Glaube an die Götter unserer Väter und Mütter besteuert werden.

Der Höchste hat heute friedlich mit uns gesprochen. Lasst uns seinen Willen erfüllen! Das wird jedem nutzen, vor allem aber dem Imperium Romanum.

9 Kaiser gerettet, ab in die Zukunft

"Der Kaiser Roms ist entweder mutig oder tollkühn." "Er hat sich mit seiner Rede zwei Feinde gemacht: die Senatoren, die am Sklavenhandel verdienen, und die Priester in den Tempeln der Götter Roms." "Wir müssen Nero beschützen, damit seine große, menschliche Reform Wirklichkeit werden kann!"

Kein einziger dieser Gedanken war laut ausgesprochen worden, sondern Rodericus, Caius und ich hatten diese nacheinander gedacht und unbewusst in die Köpfe der beiden anderen gesandt. Das geht nur, wenn die Denkenden Magie besitzen. Demnach waren Rodericus und Caius magisch begabt, und das würde ich ausnutzen.

"Mein Onkel Sulla ist der Schlimmste", dachte Caius, "Sein Reichtum beruht auf Sklavenhandel. Sicher plant er schon einen Anschlag auf Nero!"

„Was hat man mit dem Löwen getan?“, fragte ich laut. „Sie bringen ihn gerade zu seinem Käfig, und den werden sie in einer Stunde in den Kaiserpalast zurückfahren“, antwortete Caius.

„Feuer! Nehmt den Ausgang zum Kaiserpalast, der sicher ist!“

Ein Ausrufer hatte gebrüllt und den Ruf mit einer Persona verstärkt, einer tönernen Maske, die das Gesicht verändert und wie ein Lautsprecher wirkt. Alle drängten in Richtung des genannten Ausgangs.

„Finis Ignium (Ende des Feuers)!“ So laut ich konnte, hatte ich gerufen. Caius und Rodericus hatten sich in Gedanken verständigt und meinen Spruch nicht nur in der Lautstärke dreifach verstärkt, sondern dem Ruf auch noch ein Echo hinzugefügt, das noch gut zehn Sekunden nachhallte. Wie ich später erfuhr, war das Feuer ausgegangen, ohne jemanden verletzt zu haben. Der Legionär, den man mit dem Anzünden beauftragt und ein 25-Sesterz-Stück zugesteckt hatte, verdrückte sich. Aber Sulla mochte ein gemeiner Kerl sein, feige war er nicht, und entschlossen, seinen Plan durchzusetzen, war er ebenso. In der allgemeinen Verwirrung hatte er sich dem Kaiser genähert und ihm einen vergifteten Dolch in die Nierengegend gerammt, um im Gedränge zu verschwinden. Doch hatte er nicht mit Roderikus gerechnet. Der hatte es beobachtet, ihn festgehalten und seine Hand so gedreht, dass er sich selbst am Bauch mit dem Dolch verletzte.

„Welch ein Künstler geht heute der Welt verloren!“

Diese Worte sind aus antiken Quellen als die letzten des Kaisers Nero überliefert. Aus dem Schmerz, mit dem er diese hervorbrachte, erkannte ich, dass ihm ein Leid zugefügt worden war. Also galt es, schnellstens in Sicherheit zu gelangen und ihn zu untersuchen.

„Willi, denk daran“, rief Roderikus, „dass Nero, wenn er wieder Kaiser ist, seine Feinde bestrafen muss!“

„Blaupunkt!“

Mein Wunsch war stark! Ich hatte die Inspiration, dass jedem, der sich an der Verschwörung beteiligt hatte, wenn Nero ihn darauf ansprach, ein blauer Punkt auf der Stirn wachsen würde, wie ein blauer Fleck. Ob das wirken würde, wusste ich nicht. Nun wollte ich Nero retten und meine Gefährten in Sicherheit bringen.

„Ins Falis!“

Diese magischen Worte sprach ich auf Deutsch, aber sie taten ihre Wirkung. Dislocationszauber sind nicht gerade leicht, schon gar nicht für einen Blinden. Man muss den Weg genauestens kennen, damit der Dislokationszauber einen dorthin führt, wo man hin will. Diesmal aber war der Fall klar. Wie durch Geisterhand erhoben wir vier uns in die Luft: Caius, Rodericus, der verletzte Nero und ich. Kurze Zeit später befanden wir uns an genau dem Ort, von dem ich am frühen Nachmittag dieses Tages abgeholt worden war.

Nero röchelte. Der verfluchte Sulla hatte seine Niere schwer verwundet. Bald würde er eines qualvollen Todes sterben.

„Sulla vergiftet seine Waffen gern, und heute war er mit Priestern der Minerva zusammen in seiner Loge“, flüsterte Caius. „Immerhin wird dann das Schwein an seiner eigenen Waffe sterben“, knurrte Rodericus, „dafür habe ich gesorgt!“

„Wir müssen wissen, welches Gift an der Waffe haftete“, sprach ich.

„Lasset uns gemeinsam den Herrn, Jesus Christus, um die Rettung unseres Kaisers bitten!“

„Amen!“ Ich brüllte es. Erst dabei kam mir zu Bewusstsein, wer da gesprochen hatte: Arno saß wieder angekettet an seinem Platz. Er musste gerade erst erschienen sein, denn als wir im Falis ankamen, war er noch nicht da gewesen.

„Ihr habt gerade eine zeitumspannende Verbindung zur Entenpreis“, hörte ich Elisabeths Stimme, „Ufal sagt, so was ist sehr instabil.“

„Caius, Rodericus und ich versuchen,“, antwortete ich, „Euch Kaiser Nero via Vorstellungszauber auf die Entenpreis zu schicken. Vielleicht kann Inge noch rechtzeitig feststellen, welches Gift in Neros Blutbahn ist. Arno, bete intensiv! Vielleicht hilft’s ja! Nero, ne morire, ne morire!!!“

Die letzten Worte galten dem Kaiser, der immer schwächer wurde. Sie bedeuten: „Nero, nicht sterben, nicht sterben!“

Unter Arnos intensivem Gebet konzentrierten Caius, Rodericus und ich uns darauf, unsere Vorstellung von Nero auf die Entenpreis zu senden. Ich hatte ihnen die Entenpreis während der Grammatikübungen genauestens beschrieben, um viele neue Lateinvokabeln und deren neue Zusammensetzungen zu erproben, und so wussten die beiden, wie das Schiff beschaffen war.

Sekunden später roch ich schmorendes Plastik, ein untrügliches Zeichen für mich, dass jemand in die Zukunft entschwindet. Bald darauf war Nero weg.

Für jeden Magier kündigen sich Zeitreisen Nahestehender anders an. Mir zeigt der Geruch rohen Fleisches eine Reise in die Vergangenheit, und der von schmorendem Plastik eine in die Zukunft.

Dass wir auf das Unwahrscheinliche hofften, war uns allen klar. Zeitreisen sind mit so vielen Unwägbarkeiten verbunden, dass ich deren Durchführung nur bei sorgfältiger Analyse der Vor- und Nachbedingungen empfehlen kann.

Eine ganze Weile standen wir da in stillem Gebet. Wer wusste denn schon, ob Nero die Entenpreis erreichte, und, ob Inge das richtige Gegengift herstellen konnte. Außerdem waren wir selbst in Gefahr. Die Senatoren und Tempelpriester hatten Nero töten wollen, und nun würden sie nach seiner Leiche suchen. Andererseits würden seine Anhänger, von denen es sicher noch einige gab, versuchen, ihn aus der Hand derer zu entreißen, die ihn, denn so musste es ja für sie aussehen, verschleppt hatten. Irgendwann würde sicher jemand im Falis des Arno suchen, weil er wusste, dass Caius und Rodericus mehrfach dort gewesen waren. Die beiden hatte man mit Nero verschwinden sehen.

„Wir schicken Kaiser Nero zurück“, hörten wir leise Elisabeths Stimme. „Der Zeitkorridor wird gleich zusammenbrechen. Durch diesen sind bei uns mittlerweile nicht nur knapp 1 ½ Stunden vergangen, wie ursprünglich berechnet, sondern fast neun Tage.“

Nun vernahmen wir Inges Stimme: „Nero lebt und wird gesund. Wir haben ihn an die künstliche Niere gesetzt. Damit war das Sandviperngift schon bald aus seinem Blut. Die Leberschäden, die das Gift bereits angerichtet hatte, konnte ich medikamentös stoppen. Ufal hat Neros Blut außerdem magisch noch einmal gereinigt, so dass es von allen erdenklichen Giftstoffen frei ist. Damit er wieder ganz gesund wird, müssen seine Niere und Leber noch eine Weile entlastet werden. Am besten lasst Ihr ihn drei Tage fasten und möglichst wenig trinken.“

Und schon tauchte Nero auf. Er lag in unseren Armen und war durch die Zeitreise ohne Bewusstsein, atmete aber regelmäßig. Wenn er drei Tage des Hungerns und Durstens brauchte, um völlig zu genesen, war hier im feuchten Falis genau die richtige Umgebung. Aber so lange Zeit hatte ich nicht mehr. In genau zwei Stunden würde ich in die Zukunft reisen.

Eine halbe Stunde später erwachte er. Es dauerte ein Wenig, bis wir ihm die Situation erklärt hatten. Nun erfuhr er, dass ich nicht Arno war, sondern Willi Wildtwuchs.

Caius und Rodericus baten mich, Feinde vom Falis fernzuhalten. Ich bewirkte , dass alle, die gezielt dieses Falis aufsuchen würden, es im Bogen von gut drei Doppelschritt Abstand umrunden mussten. Durch den Einsatz von uns allen würde dieser Zauber drei Tage lang vorhalten.

„Es gilt“, sprach ich, „Dich ins Amt des Kaisers zurückzuführen, Nero! Wenn Du mit dem großen Löwen in drei Tagen den Senat betrittst und drohst, dass er Deine Gegner auffrisst, dürften die so verängstigt sein, dass sie Dir das Feld überlassen werden. Wir müssen das Überraschungsmoment ausnutzen. Ich beschwöre jetzt den Löwen hierher. Bitte, Caius und Rodericus, helft mir, und Arno, bete zu Gott, dass es gelingen möge. Ich fürchte, Ihr müsst für den Löwen dann und wann im Kanal auf Rattenjagd gehen, damit er nicht zu ausgehungert ist. Wenn er in den nächsten Tagen böse wird, Arno, dann sing bitte Dein Lied. Das wird ihn eine Weile beruhigen.“

„Oh leo magno, leo magnissimo aparo subito!“

Mein Latein war lausig! Aber Auf die Wirkung und die Nähe zum Wunsch kommt es beim Zauberspruch mehr an als auf dessen Grammatik oder die Sprache, in der er verfasst ist. Die klangvollen O-Laute bewirkten, dass der Löwe erschien und durch den Schock seines Fluges völlig erstarrt war.

„Wie soll ich meine wahren Gegner erkennen“, fragte Nero. Ich erzählte ihm von meinem Versuch mit dem „Blaupunkt“.

„Ich stehe tief in Eurer Schuld“, sprach Nero, „Rodericus, sobald ich inthronisiert bin, mache ich Dich zum Bürger Roms und werde Deinem Volk die Freundschaft Roms anbieten. Caius, Seneca wird Dich unterrichten. Nächstes Jahr sende ich Dich nach Alexandria. Die Mittel, die ich Dir zugesagt habe, werden ein Taschengeld im Vergleich zu denen sein, über die Du verfügen wirst. Bitte, Willi, komm noch einmal zurück, denn ich will Dich für alles belohnen.“

Kaum hatte er gesprochen, begann meine Zeitreise in die Zukunft.

Titelbild erstellt durch Content Nation mittels Stable Diffusion

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